Rürup vs. ETF-Sparplan: Die Steuerrechnung im Vergleich
Rürup oder ETF-Sparplan? Die Frage stellt sich jeder Selbstständige und jeder Gutverdiener mit ausgereizter Riester-Förderung. Die ehrliche Antwort hängt von drei Stellschrauben ab — Steuersatz heute, Steuersatz im Alter, Produktkosten. Hier die Rechnung im Vergleich.
Wer die grundsätzliche Funktion und Zielgruppe der Rürup-Rente sucht, findet sie im Hauptartikel. Hier geht es um den direkten Steuer- und Renditevergleich.
Die Ausgangsannahmen
Selbstständiger, 35 Jahre alt, will 5.000 Euro/Jahr für die Altersvorsorge sparen — über 30 Jahre bis Rentenbeginn mit 65.
- Grenzsteuersatz heute: 42 %
- Grenzsteuersatz im Alter: 30 % (typisch bei einer Gesamtrente um 30.000 Euro/Jahr)
- Erwartete Bruttorendite: 5 % p. a.
Zwei Wege werden verglichen:
Weg A — Rürup-Police: 5.000 Euro/Jahr brutto. Steuerersparnis 2.100 Euro/Jahr → Eigenaufwand 2.900 Euro/Jahr. Produktkosten 1,5 % p. a. (untere Bandbreite Fondspolice).
Weg B — ETF-Sparplan: 2.900 Euro/Jahr aus dem Netto (gleicher Eigenaufwand wie A). Produktkosten 0,2 % p. a. (TER eines Welt-ETF).
Endkapital nach 30 Jahren
Weg A — Rürup-Police:
- Eingezahlt: 150.000 Euro brutto
- Bei 5 % Rendite minus 1,5 % Kosten = 3,5 % netto Wachstum
- Endkapital: ca. 265.000 Euro
- Verrentung mit Faktor ca. 30 (lebenslange Leibrente, Stand 2025): ca. 8.800 Euro Bruttorente/Jahr
Weg B — ETF-Sparplan:
- Eingezahlt: 87.000 Euro netto
- Bei 5 % Rendite minus 0,2 % Kosten = 4,8 % netto Wachstum
- Endkapital: ca. 194.000 Euro
Was bleibt nach Steuern?
Weg A — Rürup-Rente:
- 8.800 Euro Bruttorente, 100 % steuerpflichtig (Rentenbeginn nach 2058)
- Grenzsteuersatz im Alter 30 % → Steuerlast 2.640 Euro
- Nettorente: 6.160 Euro/Jahr lebenslang
Weg B — ETF-Auszahlung:
- 194.000 Euro Kapital frei verfügbar
- Bei Entnahme über 25 Jahre (Verbrauch bis 90): ca. 12.500 Euro/Jahr brutto
- Davon Kapitalertragsanteil ca. 50 % (50 % sind Eigenkapital, steuerfrei)
- Auf den Ertragsanteil 25 % Abgeltungsteuer + Soli + Teilfreistellung 30 %, effektiv ca. 18,5 %
- Steuerlast: ca. 1.150 Euro
- Nettoauszahlung: ca. 11.350 Euro/Jahr über 25 Jahre
Der Vergleich
| Kriterium | Rürup-Police | ETF-Sparplan |
|---|---|---|
| Eigenaufwand/Jahr | 2.900 € | 2.900 € |
| Endkapital | 265.000 € | 194.000 € |
| Auszahlung/Jahr | 6.160 € lebenslang | 11.350 € für 25 Jahre |
| Verfügbarkeit | gebunden | jederzeit |
| Vererbbar | nein | ja |
| Pfändungsschutz | ja (§ 851c ZPO) | nein |
Nach 25 Jahren ist die Rürup-Rente weiter da, der ETF-Topf leer. Bei einem Lebensalter von 90 sind die Auszahlungssummen vergleichbar (Rürup ca. 154.000 Euro netto über 25 Jahre, ETF ca. 284.000 Euro). Bei 95 hat die Rürup-Rente ihren Hebel: weitere 30.800 Euro netto.
Was die Rechnung zeigt
Rürup gewinnt bei sehr langem Leben (95+) und niedrigen Produktkosten. Bei mittlerer Lebenserwartung liegt der ETF-Sparplan in der Gesamtsumme deutlich vorne — und die Flexibilität ist real wertvoll.
Mit höheren Rürup-Kosten dreht der Vergleich klar. Bei 2,5 % Gesamtkosten (typische Fondspolice) erreicht Rürup nur ca. 215.000 Euro Endkapital. Die Rente liegt unter 5.100 Euro netto/Jahr — dann schlägt der ETF in jedem Szenario.
Der Steuersatz im Alter ist der zweite Hebel. Liegt er nicht bei 30 %, sondern bei 35 %, schmilzt der Rürup-Vorteil zusätzlich.
Wann Rürup trotzdem Sinn ergibt
Trotz dieser Rechnung kann Rürup im Einzelfall richtig sein:
- Selbstständiger mit Haftungsrisiko (§ 851c ZPO Pfändungsschutz)
- Sehr disziplinierter Sparer, der ohne den Zwang der Rürup-Bindung das Geld anders ausgeben würde
- Topverdiener kurz vor Rente (5–10 Jahre Steuerstundung mit hohem Hebel)
In allen anderen Fällen ist der ETF-Sparplan in der Ansparphase die bessere Wahl — siehe auch ETF-Sparplan für Berufseinsteiger.
Fazit
Die Rürup-Steuerersparnis ist real, aber kein Selbstläufer. Mit Produktkosten unter 1,5 % p. a. und einem persistenten Steuersatzunterschied von 12 Prozentpunkten zwischen Berufsleben und Rente kann Rürup gewinnen — sonst nicht. Die genaue Rechnung mit eigenen Steuersätzen, Produktkosten und Lebensplan macht der Finanzberater. Eine pauschale Empfehlung gibt es nicht.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Finanzbildung und stellt keine individuelle Anlage- oder Finanzberatung dar. Für eine persönliche Beratung wende dich an einen zugelassenen Finanzberater.
Häufige Fragen
Wie hoch ist der Steuervorteil bei Rürup pro 1.000 € Beitrag?
Reine Steuerersparnis im Einzahlungsjahr: 1.000 € × persönlicher Grenzsteuersatz. Bei Grenzsteuersatz 42 % (Single über 68.480 € zvE 2025) sind das 420 €. Bei 33 % (mittleres Einkommen 40.000–55.000 € zvE) 330 €. Bei 25 % (junge Berufseinsteiger) nur 250 €. Wichtig: Der Effektiv-Vorteil sinkt durch nachgelagerte Besteuerung in der Rentenphase. Bei Rentenbeginn 2025 sind 83,5 % der Rürup-Rente steuerpflichtig (§ 22 Nr. 1 Buchst. a EStG), ab 2058 100 %. Wenn der Grenzsteuersatz im Alter 30 % beträgt, werden 25 % der Auszahlung nachversteuert — Netto-Steuervorteil über die Lebenszeit nur etwa 17 Prozentpunkte (42 % − 25 %), nicht volle 42 %.
Was ist der größte Nachteil von Rürup gegenüber ETF?
Inflexibilität. Rürup-Vermögen ist gesetzlich gebunden: keine Kapitalauszahlung, kein Zugriff vor 62, nicht beleihbar, nicht übertragbar (§ 10 Abs. 1 Nr. 2 EStG, § 851c ZPO). Wer in 10 Jahren eine Immobilie kaufen will, ein Sabbatical plant oder die Selbstständigkeit aufgibt — kommt nicht ans Geld. Der ETF-Sparplan ist jederzeit verfügbar (T+2 Settlement), beleihbar als Sicherheit für Lombardkredite, vererbbar an beliebige Personen, übertragbar zwischen Depots. Die scheinbar höhere Steuerbelastung des ETF (25 % Abgeltungsteuer + 5,5 % Soli, mit 30 % Teilfreistellung effektiv 18,46 % auf Aktien-ETF-Erträge) ist der Preis für volle Liquidität — für die meisten Sparer ein guter Tausch.
Wie viel kostet eine Rürup-Police pro Jahr?
Klassische Fondsgebundene Rürup-Police: Abschlusskosten 2,5–4 % der Beitragssumme (verteilt auf 5 Jahre), Verwaltungskosten 1,5–3 % p. a. auf den Fondswert, Fondskosten 0,5–2 % p. a. (TER der enthaltenen Fonds). Gesamtkostenquote häufig 2,5–4 % p. a. Vergleich: ETF-Sparplan bei Direktbank kostet 0,1–0,3 % TER + 0–1,50 € Ausführungsgebühr. Auf 30 Jahre macht der Kostenunterschied bei 5 % Bruttorendite ca. 25–35 % weniger Endkapital aus. Bei Rürup-Banksparplan oder Rürup-Honorartarif (Nettotarif ohne Provision) sinken die Kosten auf 0,5–1 % — diese Varianten sind selten und nur bei Honorarberatern erhältlich.
Wann gewinnt Rürup im Steuervergleich gegen ETF?
Drei Bedingungen müssen gleichzeitig erfüllt sein: (1) Grenzsteuersatz heute mindestens 42 % und sicher dauerhaft auf diesem Niveau (z. B. etablierter Selbstständiger mit konstantem Hochlohn, Beamter A14+). (2) Erwarteter Grenzsteuersatz im Alter unter 30 %, ideal unter 25 % (z. B. niedrige zusätzliche Renten, kein Mieteinkommen). (3) Rürup-Produkt mit Gesamtkosten unter 1,5 % p. a. (Honorartarif oder günstige Direktversicherer-Police). Sind alle drei erfüllt, liegt der Nettoertrag der Rürup-Strategie über 30 Jahre 5–10 % über dem reinen ETF-Sparplan. Fehlt eine Bedingung — meist die Kostenquote — dreht der Vergleich. Faustregel: Rürup nur nach Vollkostenrechnung über die individuelle Lebensbiografie.
Lohnt eine Kombination aus Rürup und ETF?
Häufig sinnvoll für Selbstständige mit Grenzsteuersatz 42 %+: Rürup bis zu einem Beitrag, der die Liquidität nicht einschränkt (typisch 5.000–15.000 €/Jahr, deutlich unter dem 29.344-€-Höchstbetrag) — für die garantierte Sockel-Rente und den § 851c ZPO Pfändungsschutz. ETF-Sparplan zusätzlich für den freien Vermögensaufbau, Notgroschen, mittelfristige Ziele (Immobilie, Kindererziehung, Sabbatical). Die Aufteilung 30 % Rürup / 70 % ETF ist für viele Selbstständige ein vernünftiger Ausgangspunkt — ersetzt aber keine individuelle Berechnung mit echten Steuersätzen, Berufslebensplan und Liquiditätsbedarf.