Riester jetzt noch abschließen: Warum das in bestimmten Fällen sinnvoll ist
Das neue Altersvorsorgedepot kommt 2027 und ist in vielen Punkten attraktiver als Riester. Trotzdem gibt es eine spezifische Gruppe, für die es sinnvoll sein kann, jetzt noch einen Riester-Vertrag abzuschließen — bevor das Fenster Ende 2026 schließt. Das Stichwort: Vertragsbestandsschutz.
Was ist Vertragsbestandsschutz?
Riester-Verträge, die vor dem 1. Januar 2027 abgeschlossen werden, laufen nach den alten Bedingungen weiter — auch wenn das neue System in Kraft tritt. Das bedeutet:
- Die bisherigen Förderregeln gelten für den gesamten Vertrag
- Garantierter Beitragserhalt (100 % der Einzahlungen + Zulagen zum Rentenbeginn) bleibt erhalten
- Bestehende Tarifkonditionen (z. B. garantierter Rentenfaktor bei Rentenversicherungen) bleiben gültig
- Der Vertrag kann auch nach 2027 weiterbespart werden
Die neuen Produkte ersetzen Riester nur für Neuverträge ab 2027. Bestehende Verträge werden nicht zwangsweise umgestellt.
Warum kann ein Riester-Abschluss jetzt noch sinnvoll sein?
1. Familien mit mehreren Kindern: Kinderzulage sichern
Die bisherige Riester-Kinderzulage beträgt 300 Euro pro Kind (für ab 2008 geborene Kinder). Das neue System bietet ebenfalls 300 Euro — aber die Bedingungen, unter denen sie ausgezahlt wird, könnten sich durch die Bundesratslesung noch verändern.
Für Familien mit zwei oder drei Kindern, die noch viele Förderjahreder Kinderzulage vor sich haben: Ein Riester-Vertrag jetzt sichert die bekannten Bedingungen für die gesamte Laufzeit.
Beispiel: Familie mit 2 Kindern (6 und 9 Jahre), beide Elternteile riesterberechtigt:
- Kinderzulagen bis 25: 16 + 13 Jahre × 300 Euro = ca. 8.700 Euro gesamte Kinderzulage (je Elternteil)
- Mindesteigenbeitrag bei niedrigem Einkommen: oft unter 100 Euro/Monat
Die Kinderzulage macht bei niedrigem Eigenanteil einen erheblichen Teil der Gesamtanlage aus.
2. Garantieprodukt als Fundament im Altersvorsorge-Mix
Das neue Altersvorsorgedepot ist ohne Beitragsgarantie. Wer im Rentenalter auf eine garantierte Grundrente angewiesen ist — nicht auf Depotvermögen, das im schlechtesten Fall kurz vor Renteneintritt einbricht — kann einen bestehenden Riester-Vertrag als sichere Basis behalten.
Mischstrategie: Riester (garantierter Sockel) + neues Altersvorsorgedepot (renditestark, flexibel) = zwei Standbeine mit unterschiedlichem Risikoprofil.
3. Günstige Produktkondition sichern — besonders bei Rentenversicherungen
Manche Riester-Rentenversicherungen bieten einen garantierten Rentenfaktor: Ein fester Betrag je 10.000 Euro angespartem Kapital, der als monatliche Rente ausgezahlt wird. Diese Faktoren werden mit steigendem Alter und sinkenden Zinsen schlechter.
Wer heute jung ist und einen Riester-Rentenversicherungsvertrag mit gutem Rentenfaktor abschließt, sichert sich diese Konditionen für Jahrzehnte — unabhängig davon, wie sich der Markt entwickelt.
Für wen lohnt sich ein Riester-Abschluss jetzt nicht
Singles ohne Kinder mit mittlerem Einkommen: Die Grundzulage von 175 Euro ist niedrig. Eigenbeitrag von 4 % des Vorjahresbruttos (z. B. 1.400 Euro/Jahr bei 35.000 Euro Brutto). Förderwirkung gering — das neue System mit 50 % Förderung auf die ersten 360 Euro ist hier 2027 klar attraktiver.
Wer auf volle Flexibilität setzt: Riester bleibt unflexibel (kein freier Kapitalzugriff, eingeschränkte Kapitalauszahlung). Das neue Depot wird flexibler sein.
Wer unsicher ist, ob er riesterberechtigt bleibt: Selbstständige ohne Rentenversicherungspflicht sind grundsätzlich nicht riesterberechtigt. Das neue Altersvorsorgedepot öffnet die Förderung für alle.
Das konkrete Zeitfenster
Der Gesetzgeber hat klar kommuniziert: Ab 1. Januar 2027 keine Neuverträge nach altem Riester-Modell mehr. Das bedeutet: Wer von Vertragsbestandsschutz profitieren will, hat noch bis Ende 2026 Zeit.
Das klingt nach viel — ist es aber nicht. Gute Riester-Beratung (inkl. Produktvergleich und Auswahl des richtigen Anbieters) braucht Zeit. Wer im Herbst 2026 anfängt, steht unter Zeitdruck.
Fazit: Wann Riester jetzt noch Sinn macht
| Situation | Riester jetzt sinnvoll? |
|---|---|
| Familien mit 2+ jungen Kindern | Ja — Kinderzulagen über viele Jahre |
| Geringverdiener mit Kindern | Ja — Förderwirkung sehr hoch |
| Single, mittleres Einkommen, keine Kinder | Nein — auf neues Depot 2027 warten |
| Wer garantierten Rentenfaktor sichern will | Ggf. ja — Produktanalyse nötig |
| Selbstständige | Nein — warten auf neues System |
Die Entscheidung hängt stark von der individuellen Situation ab — Einkommen, Familienstand, Anzahl der Kinder, Risikobereitschaft, vorhandene Altersvorsorge. Ein Beratungsgespräch, das die konkrete Förderwirkung durchrechnet, ist hier sinnvoller als eine pauschale Empfehlung.
Dieser Artikel basiert auf dem Bundestagsbeschluss vom 27. März 2026. Das Gesetz benötigt noch die Zustimmung des Bundesrats. Angaben ohne Gewähr — die finale Ausgestaltung kann sich noch ändern. Für eine persönliche Beratung wende dich an einen zugelassenen Finanzberater.
Häufige Fragen
Was bedeutet Vertragsbestandsschutz konkret?
Riester-Verträge, die vor dem 1. Januar 2027 abgeschlossen werden, laufen nach den bisherigen gesetzlichen Bedingungen weiter — auch wenn das neue Altersvorsorgedepot ab 2027 für Neuverträge gilt. Das umfasst die Beibehaltung der Zulagen (§ 84 ff. EStG), Sonderausgabenabzug (§ 10a EStG), 100-%-Beitragsgarantie sowie die nachgelagerte Besteuerung in der Auszahlungsphase. Wer 2026 einen Vertrag abschließt, kann bis zum Renteneintritt mit den alten Regeln rechnen.
Für wen ist ein Riester-Abschluss in 2026 noch sinnvoll?
Insbesondere für drei Gruppen: (1) Familien mit Kindern — die Kinderzulage von 300 € pro Kind (geboren ab 2008, 185 € für ältere) macht die Eigenbeiträge oft fast komplett aus den staatlichen Zuschüssen finanzierbar, (2) Geringverdiener mit niedrigem Steuersatz aber hohem Zulagenanspruch, (3) Beamte und Pflichtversicherte mit Sockelbetrag von 60 €. Für Gutverdiener ohne Kinder ist Rürup oder ETF-Sparplan meist effizienter.
Wie hoch ist die staatliche Förderung?
Grundzulage 175 €/Jahr (§ 84 EStG), Kinderzulage 300 €/Jahr pro Kind (Geburt ab 2008) bzw. 185 € (Geburt vor 2008, § 85 EStG), Berufseinsteigerbonus 200 € einmalig (unter 25 Jahren). Maximaler Sonderausgabenabzug 2.100 €/Jahr (§ 10a EStG). Voraussetzung: Mindesteigenbeitrag von 4 % des sozialversicherungspflichtigen Vorjahreseinkommens (mindestens 60 €) abzüglich der Zulagen.
Welche Nachteile hat Riester gegenüber dem neuen Altersvorsorgedepot?
Höhere Kosten (klassische Verträge oft 2-4 % Effektivkosten, Banksparpläne kaum noch verfügbar), 100-%-Beitragsgarantie zwingt zu sicherheitsorientierter Anlage mit niedriger Rendite, lebenslange Verrentungspflicht (Rückkauf nur mit Förderrückzahlung), max. 30 % Kapitalauszahlung zu Rentenbeginn, eingeschränkte Vererbbarkeit. Das neue Altersvorsorgedepot ab 2027 wird voraussichtlich freie ETF-Wahl, höhere Renditen, mehr Flexibilität bieten — aber Details stehen noch nicht final fest.
Was passiert, wenn ich Riester später kündige?
Bei einer schädlichen Verwendung (vorzeitige Kündigung, Auszahlung außerhalb der Rentenphase) müssen alle erhaltenen Zulagen und Steuervorteile zurückgezahlt werden (§ 93 EStG). Außerdem fallen Stornogebühren des Anbieters an. Bei klassischen Versicherungs-Riester-Verträgen bleibt nach Stornoabzügen oft nur ein Bruchteil der eingezahlten Beiträge übrig. Beitragsfreistellung ist die schonendere Alternative — der Vertrag ruht, die bisherigen Zulagen bleiben erhalten.