Wie viel Geld brauche ich wirklich im Alter?

Wie viel Geld brauche ich wirklich im Alter?


“Ich muss für die Rente sparen” — das wissen die meisten. Aber wie viel? Diese Frage bleibt meistens unbeantwortet, weil sie unangenehm konkret wird.

Dabei ist die Antwort gar nicht so schwer herzuleiten. Wer einmal durchgerechnet hat, wie viel Kapital er im Alter braucht, kann gezielter sparen — statt ins Blaue hinein.

Schritt 1: Gewünschtes Nettoeinkommen im Alter bestimmen

Der erste Schritt ist eine ehrliche Einschätzung: Wie viel Netto im Monat brauchst du im Alter, um gut zu leben?

Als Ausgangspunkt empfehlen viele Finanzplaner 70–80% des letzten Nettoeinkommens. Das liegt daran, dass im Rentenalter bestimmte Kosten entfallen: keine Altersvorsorgebeiträge mehr, keine Berufskleidung, keine Pendelkosten. Dafür können Gesundheits- und Freizeitkosten steigen.

Konkret: Wer heute 2.800 € netto verdient und im Rentenalter 2.200 € netto anstrebt, hat eine klare Zielgröße.

Schritt 2: Erwartete gesetzliche Rente abziehen

Du bekommst ab 27 jährlich eine Renteninformation von der Deutschen Rentenversicherung. Dort steht eine Hochrechnung deiner erwarteten Rente.

Diese Zahl ist eine Schätzung — sie geht von gleichbleibenden Beiträgen bis zum Renteneintritt aus. In der Praxis kann sie höher oder niedriger ausfallen.

Wichtig: Die gesetzliche Rente wird im Alter versteuert und es fallen Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge an. Von der Bruttorente bleiben netto deutlich weniger übrig. Als grobe Faustregel: ca. 20–25% Abzüge auf die gesetzliche Rente einkalkulieren.

Beispiel:

  • Erwartete gesetzliche Bruttorente: 1.200 €
  • Netto nach Abzügen (ca. 22%): ~940 €
  • Gewünschtes Nettoeinkommen: 2.200 €
  • Lücke: ~1.260 € pro Monat

Schritt 3: Benötigtes Kapital ausrechnen

Jetzt wird es mathematisch — aber es ist einfacher als es klingt.

Die gängige Methode: Du rechnest aus, wie viel Kapital du brauchst, um die monatliche Lücke über die gesamte Rentenphase zu decken.

Vereinfachte Formel (4%-Regel als Orientierung):

Die 4%-Regel besagt: Wenn du jährlich 4% deines Depots entnimmst und der Rest weiterhin (real) wächst, hält dein Kapital theoretisch ewig — oder zumindest 30+ Jahre.

Formel: Jahreskapitalbedarf ÷ 0,04 = benötigtes Depot

Im Beispiel:

  • Monatliche Lücke: 1.260 €
  • Jahresbedarf: 15.120 €
  • Benötigtes Kapital: 15.120 € ÷ 0,04 = 378.000 €

Das ist das Kapital, das du zusätzlich zur gesetzlichen Rente bis zum Renteneintritt aufgebaut haben solltest.

Wichtiger Hinweis: Die 4%-Regel ist eine Faustformel, keine Garantie. Sie basiert auf historischen US-Marktdaten. In der Praxis hängt das Ergebnis von Rendite, Inflation und Entnahmedauer ab.

Schritt 4: Monatliche Sparrate ableiten

Wenn du das Zielkapital kennst, kannst du ausrechnen, wie viel du monatlich sparen musst.

Beispiel: 378.000 € Zielkapital, Renteneintritt in 35 Jahren, angenommene Rendite 6% p.a.:

Benötigte monatliche Sparrate: ca. 270 €

Bei 25 Jahren bis zur Rente (gleiche Annahmen): ca. 570 €

Das zeigt noch einmal deutlich: Wer früh anfängt, braucht monatlich erheblich weniger zu sparen. Der Zinseszins-Effekt arbeitet für dich — aber nur wenn du früh beginnst.

Was die Rechnung nicht erfasst

Diese Berechnung ist eine Orientierung, keine Finanzplanung. Was sie vereinfacht:

Inflation: 2.200 € in 35 Jahren kaufen weniger als heute. Wer das berücksichtigen will, muss die Zielgröße inflationsbereinigt hochrechnen — oder eine reale (inflationsbereinigte) Rendite annehmen.

Pflege- und Gesundheitskosten: Im hohen Alter können die Ausgaben deutlich steigen — Pflegeleistungen, Hilfsmittel, Wohnungsanpassungen. Wer das einplanen will, rechnet mit einem Sicherheitspuffer von 20–30% obendrauf.

Andere Einkommensquellen: Mieteinnahmen aus einer Kapitalanlage-Immobilie, Erbschaften oder Teilzeitarbeit im Ruhestand reduzieren den Kapitalbedarf.

Fazit

Die häufigste Antwort auf “Wie viel muss ich für die Rente sparen?” ist: “Kommt drauf an.” Das stimmt — aber mit einer einfachen Rechnung kannst du die ungefähre Größenordnung selbst ermitteln.

Wer einmal eine Zahl vor sich hat — sagen wir 350.000 € bis zur Rente — kann viel konkreter planen als jemand, der abstrakt “für die Rente spart”.

Der nächste Schritt: Renteninformation anfordern, Lücke grob ausrechnen — und dann überlegen, welche Instrumente diese Lücke am effizientesten schließen. Das hängt von Steuersituation, Arbeitgeber, Familienstand und Risikobereitschaft ab. Genau dafür ist ein Gespräch mit einem Finanzberater sinnvoll: nicht um ein Produkt zu kaufen, sondern um einen klaren Plan zu entwickeln.


Dieser Artikel dient der allgemeinen Finanzbildung und stellt keine individuelle Anlage- oder Finanzberatung dar. Für eine persönliche Beratung wende dich an einen zugelassenen Finanzberater.

Häufige Fragen

Wie viel Nettoeinkommen brauche ich im Alter?

Als Faustregel 70–80 % des letzten Nettos. Einige Kosten entfallen im Alter (Altersvorsorgebeiträge, Berufskleidung, Pendeln), dafür steigen Gesundheits- und Freizeitkosten. Wer heute 2.800 € netto verdient, kalkuliert mit rund 2.200 € Zielnettoeinkommen im Ruhestand.

Wie hoch sind die Abzüge auf die gesetzliche Rente?

Auf die Bruttorente fallen KV- und PV-Beiträge (aktuell rund 10–12 % zusammen) sowie Einkommensteuer an — Letztere steigt jährlich: Wer 2025 in Rente geht, versteuert 83,5 % der Rente, ab 2040 werden es 100 % sein (Rentenbesteuerungsgesetz). Grobe Faustregel: 20–25 % Abzüge auf die Bruttorente.

Was ist die 4%-Regel?

Die 4%-Regel (Trinity Study, 1998) besagt, dass ein diversifiziertes Aktien-/Anleihen-Portfolio eine jährliche Entnahme von 4 % des Startkapitals rund 30 Jahre aushält, ohne real aufgebraucht zu werden. Sie basiert auf historischen US-Marktdaten. Für Deutschland wird wegen höherer Steuer- und Kostenbelastung oft konservativer mit 3,0–3,5 % gerechnet.

Wie berechne ich meinen Rentenbedarf in vier Schritten?

Schritt 1: Zielnettoeinkommen im Alter festlegen (70–80 % des letzten Nettos). Schritt 2: Erwartete Nettorente abziehen (Renteninformation der DRV, minus 20–25 % Abzüge). Schritt 3: Monatliche Lücke × 12 ÷ 0,04 = benötigtes Zielkapital. Schritt 4: Monatliche Sparrate aus Zielkapital, Zeithorizont und angenommener Rendite berechnen.

Berücksichtigt die Rechnung die Inflation?

Nein — die Basisrechnung arbeitet mit heutigen Euro. Wer Inflation explizit einplanen will, nutzt eine reale (inflationsbereinigte) Renditeannahme von etwa 4–5 % statt 6–7 % nominal, oder rechnet das Zielnettoeinkommen mit erwarteter Inflationsrate auf den Renteneintritt hoch.

Quellen

  1. Retirement Savings: Choosing a Withdrawal Rate That Is Sustainable (Trinity Study) , American Association of Individual Investors (AAII) — Cooley, Hubbard, Walz (1998)
  2. Rentenversicherungsbericht 2024 (Nettorente und Rentenbesteuerung) , Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) (2024)