Krankengeld und Krankentagegeld: Die Lücke bei langer Krankheit


Kurze Krankheiten — ein paar Tage Grippe, eine Woche Rücken — überstehen die meisten finanziell problemlos. Aber was passiert, wenn du 6 Wochen, 3 Monate oder sogar länger ausfällst?

Die meisten Berufseinsteiger haben darüber nie nachgedacht. Und die Antwort ist weniger beruhigend, als man hofft.

Phase 1: Lohnfortzahlung durch den Arbeitgeber (bis 6 Wochen)

In Deutschland zahlt der Arbeitgeber bei Krankheit das volle Gehalt weiter — aber nur für maximal 6 Wochen pro Erkrankung. Das ist gesetzlich geregelt (Entgeltfortzahlungsgesetz).

Wichtig: Die 6 Wochen gelten pro Erkrankung. Wer im Januar 4 Wochen wegen Rücken ausfällt und im März erneut mit derselben Diagnose — der hat für dieselbe Erkrankung nur noch 2 Wochen Lohnfortzahlung übrig.

Bis hier ist die Situation komfortabel. Danach wird es enger.

Phase 2: Gesetzliches Krankengeld (ab Woche 7 bis zu 78 Wochen)

Ab der 7. Woche springt die gesetzliche Krankenversicherung ein und zahlt Krankengeld. Klingt gut — aber der Betrag ist niedriger als das Nettogehalt:

  • Das Krankengeld beträgt 70% des Bruttolohns, maximal aber 90% des Nettolohns
  • Es gibt eine Beitragsbemessungsgrenze: Wer mehr verdient, bekommt nicht proportional mehr
  • Von der Krankengeld-Zahlung werden außerdem noch Sozialversicherungsbeiträge abgezogen

In der Praxis bedeutet das: Wer 2.500 € netto verdient, bekommt im Krankheitsfall ab Woche 7 oft nur noch 1.700–1.900 € ausgezahlt. Für viele Berufseinsteiger in Münster, die Miete und Lebenshaltungskosten zu tragen haben, ist das eine spürbare Lücke.

Das Krankengeld wird für maximal 78 Wochen innerhalb von 3 Jahren für dieselbe Erkrankung gezahlt. Danach: nichts mehr aus der GKV.

Phase 3: Was danach kommt

Nach 78 Wochen Krankengeld endet der Anspruch. Wer dann immer noch nicht arbeiten kann, muss:

  • Einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente stellen (sofern die Wartezeiten erfüllt sind — mehr dazu im Artikel zur Erwerbsminderungsrente)
  • Oder Bürgergeld (ehemals Hartz IV) beantragen

Weder das eine noch das andere sichert auch nur annähernd das bisherige Einkommensniveau.

Was ist ein privates Krankentagegeld?

Das private Krankentagegeld ist eine Versicherung, die die Lücke zwischen gesetzlichem Krankengeld und dem tatsächlichen Nettoeinkommen schließt.

Du vereinbarst eine tägliche Leistung (z.B. 30 € pro Tag) und ab wann sie gezahlt wird (Karenzzeit, z.B. ab dem 43. Tag — also ab dem Zeitpunkt, an dem das Krankengeld beginnt). Die Versicherung zahlt dann bis zur vereinbarten Laufzeit oder bis zur Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit.

Für wen ist es besonders relevant?

  • Selbstständige und Freiberufler, die keinen Anspruch auf Lohnfortzahlung haben und sich selbst absichern müssen
  • Arbeitnehmer mit höherem Einkommen, bei denen die Krankengeld-Lücke spürbar groß ist
  • Menschen mit laufenden finanziellen Verpflichtungen (Kredit, Miete), die einen Einkommenseinbruch nicht abfedern können

Krankentagegeld vs. Berufsunfähigkeitsversicherung

Der Unterschied ist wichtig:

KrankentagegeldBerufsunfähigkeitsversicherung
Zahlt bei…Vorübergehender ArbeitsunfähigkeitDauerhafter Berufsunfähigkeit (>50%)
LaufzeitBis zur Genesung (max. vertraglich)Bis zum Rentenalter
Typischer FallLänger andauernde KrankheitChronische Erkrankung, Burnout, Unfall

Beide Produkte decken unterschiedliche Szenarien ab. Wer nur eine BU hat, ist bei einem langen, aber überwindbaren Krankheitsfall nicht geschützt — weil die BU erst bei dauerhafter Berufsunfähigkeit greift. Wer nur Krankentagegeld hat, ist nicht geschützt, wenn er dauerhaft nicht mehr in seinem Beruf arbeiten kann.

Was kostet Krankentagegeld?

Das hängt von Beruf, Alter, Gesundheitszustand und vereinbarter Leistungshöhe ab. Für Arbeitnehmer ist Krankentagegeld vergleichsweise günstig — oft 15–40 € im Monat für eine sinnvolle Absicherung.

Für Selbstständige ist es teurer, weil sie eine höhere Leistung benötigen und das Risiko für Versicherer anders bewertet wird.

Fazit

Die Lücke bei langer Krankheit ist realer als viele denken. Sechs Wochen volles Gehalt, dann 70% Brutto — und nach 78 Wochen nichts mehr aus der GKV. Wer darauf nicht vorbereitet ist, steht im Ernstfall vor ernsthaften finanziellen Problemen.

Ob ein privates Krankentagegeld für dich sinnvoll ist und in welcher Höhe, hängt von deiner Einkommenssituation, deinen laufenden Kosten und deinem bestehenden Versicherungsschutz ab. Das lässt sich pauschal nicht beantworten — hier lohnt ein gezieltes Beratungsgespräch, das die Gesamtabsicherung im Blick hat.


Dieser Artikel dient der allgemeinen Finanzbildung und stellt keine individuelle Anlage- oder Finanzberatung dar. Für eine persönliche Beratung wende dich an einen zugelassenen Finanzberater.