Versicherungssumme Hausrat berechnen: Die Faustregel und ihre Grenzen
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Versicherungssumme Hausrat berechnen: Die Faustregel und ihre Grenzen


Die Versicherungssumme ist der wichtigste Hebel bei der Hausratversicherung. Zu niedrig angesetzt: Unterversicherung und im Schadensfall anteilige Kürzung. Zu hoch: unnötig teure Prämie, ohne dass du mehr bekommst. Beides kostet Geld — im ersten Fall schlimmstenfalls fünfstellig.

Die gängige Faustregel lautet: 650 € pro Quadratmeter Wohnfläche. Sie taugt als Startpunkt, ist aber je nach Lebenssituation zu ungenau. Hier erfährst du, wie du die Summe wirklich realistisch berechnest.

Die 650-Euro-Faustformel: Herkunft und Funktionsweise

Versicherer haben über Jahrzehnte Durchschnittswerte erhoben, wie viel Hausrat pro Quadratmeter in deutschen Haushalten typischerweise vorhanden ist. Daraus entstand die Faustformel von 650 € pro m².

Beispiel:

  • 40 m² Wohnung → 26.000 € Versicherungssumme
  • 60 m² Wohnung → 39.000 € Versicherungssumme
  • 80 m² Wohnung → 52.000 € Versicherungssumme
  • 100 m² Wohnung → 65.000 € Versicherungssumme

Viele Versicherer verzichten bei Einhaltung dieser Faustformel auf die Einrede der Unterversicherung. Das ist ein wichtiger Punkt: Unterversicherung kann dir im Schadensfall bis zu 50 % der Auszahlung kosten, selbst wenn der Einzelschaden deutlich unter der Versicherungssumme liegt.

Wie Unterversicherung funktioniert — und warum sie teuer wird

Unterversicherung entsteht, wenn dein tatsächlicher Hausratwert höher ist als die Versicherungssumme im Vertrag. Der Schadensfall wird dann anteilig gekürzt.

Rechenbeispiel:

  • Versicherungssumme im Vertrag: 20.000 €
  • Tatsächlicher Hausratwert: 40.000 €
  • Schaden durch Wasserrohrbruch: 10.000 €

Erstattung? Nur 5.000 €.

Die Versicherung zahlt nur den Anteil, den die Versicherungssumme am Gesamtwert ausmacht — also 20.000 / 40.000 = 50 %. Von den 10.000 € Schaden bekommst du die Hälfte. Der Rest bleibt an dir hängen.

Deshalb: Eher zu hoch als zu niedrig ansetzen. Der Prämienunterschied ist gering — der Nachteil im Schadensfall potenziell enorm.

Wann die Faustformel zu niedrig ist

Die 650-€-Regel ist ein Durchschnitt. In folgenden Fällen liegst du oft drüber:

Junge Akademiker mit Home-Office: Zwei Monitore, Laptop, Stuhl, Schreibtisch, Drucker — schnell 4.000 bis 6.000 € allein fürs Arbeitszimmer.

Hobbyausstattung: Fotoausrüstung, Musikinstrumente, Gaming-Setup, Sportgeräte — jeder dieser Bereiche kann fünfstellig werden.

Designer-Möbel oder Markenküche: Eine hochwertige Einbauküche allein kann 10.000 bis 25.000 € wert sein.

Wertvolle Sammlungen: Kunst, Schmuck, Uhren, Vinyl — hier gelten oft ohnehin Sonderregelungen (Entschädigungsgrenzen in der Police beachten).

Teures Fahrrad: Ein E-Bike für 3.500 € ist realistisch geworden. Oft separat im Tarif deckeln zu beachten.

In solchen Fällen lohnt sich eine Hausratwert-Liste statt Faustregel.

Wann die Faustformel zu hoch ist

Umgekehrt: Für manche Lebenssituationen ist 650 € pro m² deutlich zu großzügig.

WG-Zimmer mit geliehenen Möbeln: 20 m² Zimmer, gebrauchter Schreibtisch, Ikea-Matratze, Laptop. Realistischer Wert: 3.000 bis 5.000 € (nicht 13.000 €).

Übergangswohnung, möbliert: Wenn die Wohnung möbliert ist und dir nur Kleinigkeiten gehören, reicht oft eine Versicherungssumme von 5.000 bis 10.000 €.

Berufseinsteiger, die gerade erst einziehen: In den ersten Monaten nach dem Umzug ist der Hausrat oft unter dem späteren Wert. Einen Plan einbauen, nach 12 Monaten neu zu bewerten.

Wie du den Hausratwert realistisch berechnest

Wenn du es genauer wissen willst als die Faustformel, erstellst du eine Hausrat-Inventarliste. Das klingt aufwendig, ist aber in 1–2 Stunden machbar und hilft dir auch im Schadensfall (Versicherer verlangt dann oft eine Auflistung):

  1. Raum für Raum durchgehen. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, Bad, Arbeitszimmer, Keller.
  2. Gegenstände grob nach Kategorien bündeln. Möbel, Elektronik, Kleidung, Bücher/Medien, Haushaltsgeräte, Hobbyausrüstung.
  3. Neuwert pro Kategorie schätzen. Nicht den Kaufpreis von vor 5 Jahren — den, was es heute kosten würde, alles neu zu kaufen.
  4. Summen addieren.

Viele Versicherer bieten Online-Rechner an, die dich durch eine ähnliche Liste führen.

Neuwert, Zeitwert, Wiederbeschaffungswert — was ist was?

Beim Schadensfall zählt nicht nur die Versicherungssumme, sondern die Entschädigungsart:

Neuwert: Du bekommst so viel, wie es kosten würde, den zerstörten Gegenstand neu zu kaufen. Das ist der Regelfall bei guten Tarifen.

Zeitwert: Du bekommst den Restwert — also den Neuwert minus Abnutzung/Alter. Ein 5 Jahre alter Fernseher wird dann mit vielleicht 30 % des Kaufpreises vergütet.

Wiederbeschaffungswert: Begriff aus Sachversicherungen, meist gleichbedeutend mit Neuwert für vergleichbare Gegenstände.

Der Unterschied Neuwert/Zeitwert ist im Ernstfall der Unterschied zwischen “Ich kann mir alles wieder besorgen” und “Ich habe 60 % Verlust”. Günstige Tarife ohne Neuwertentschädigung sparen 10 bis 20 € im Jahr und kosten dich im Schadensfall potenziell 4-stellig.

Anpassungen während der Vertragslaufzeit

Hausrat ist kein statisches Ding. Er wächst mit dem Einkommen. Deshalb bieten viele Tarife eine Dynamik an — die Versicherungssumme passt sich automatisch jährlich an (z. B. +3 % pro Jahr). Dafür steigt auch die Prämie leicht mit.

Das ist in den meisten Fällen sinnvoll. Ohne Dynamik rutschst du im Laufe von 5–10 Jahren schleichend in Unterversicherung. Wer die Anpassung deaktiviert, sollte mindestens alle 2–3 Jahre die Versicherungssumme selbst prüfen.

Fazit

Die Versicherungssumme ist die wichtigste Zahl im Hausrat-Vertrag — und gleichzeitig die am häufigsten falsch eingestellte. Die 650-€-Faustformel ist ein guter Startpunkt, ersetzt aber keinen Blick auf deinen tatsächlichen Hausrat.

Wer einmal eine grobe Inventarliste erstellt und die Summe danach setzt, hat die häufigste Ursache für Streit mit der Versicherung ausgeschlossen. Wie die Kosten für verschiedene Versicherungssummen variieren, ist in diesem Artikel erklärt, ob sich die Hausratversicherung für dich grundsätzlich lohnt, hier — und was Hausrat von der Haftpflicht unterscheidet, im Vergleichsartikel. Bei welcher Deckung und welchen Zusatzbausteinen es für deine Situation am sinnvollsten bleibt, lässt sich im Beratungsgespräch klarer einordnen als am Vergleichsrechner.


Dieser Artikel dient der allgemeinen Finanzbildung und stellt keine individuelle Anlage- oder Finanzberatung dar. Für eine persönliche Beratung wende dich an einen zugelassenen Finanzberater.

Häufige Fragen

Wie funktioniert die 650-€-pro-qm-Faustformel rechtlich?

VHB 2022 Musterbedingungen (GDV-Arbeitskreis Sachversicherung): Versicherer gewährt Unterversicherungsverzicht nach § 75 VVG, wenn Versicherungsnehmer pauschal 650 €/qm Wohnfläche als VS wählt — bedeutet: Versicherer verzichtet auf Prüfung des tatsächlichen Hausratwertes im Schadensfall, zahlt volle Schadenssumme bis zur Versicherungssumme. Beispiel 60 qm: 650 × 60 = 39.000 € VS. Tatsächlicher Hausratwert 50.000 € spielt keine Rolle, Versicherer zahlt Einzelschäden bis 39.000 €/Jahr. Rechtskonstruktion: Unterversicherungsverzicht ist vertragliche Erklärung des Versicherers nach § 307 BGB zulässig (nicht Gesetz, aber üblich bei allen Standardtarifen). Ohne Pauschalangabe (z. B. selbst ermittelte VS 30.000 € für 60 qm): Versicherer prüft im Schadensfall — wenn tatsächlicher Wert höher, Quotelung 30.000/tatsächlicher Wert × Schaden. Wichtig für Vermeidung: 650 €/qm-Pauschale in Police dokumentiert, nicht eigene niedrigere Schätzung.

Wie berechne ich Unterversicherung im Schadensfall?

Formel nach § 75 VVG: Entschädigung = Versicherungssumme / Versicherungswert × Schadenshöhe. Beispiel: VS 20.000 €, tatsächlicher Hausratwert 40.000 € (Unterversicherung 50 %), Schadenshöhe 10.000 € → Entschädigung 20.000/40.000 × 10.000 = 5.000 €. Halbierter Ersatz, auch bei Teilschaden unter VS-Höhe. Unterversicherung greift unabhängig davon, ob Schaden unter oder über VS. Ohne Unterversicherungsverzicht wichtig, realistisch VS zu ermitteln. Praxis-Regel: Hausrat-Inventarliste raumweise — Möbel, Elektronik, Kleidung, Küche, Hobbyausrüstung → Summe als VS ansetzen. Alternativ Online-Rechner Stiftung Warentest, GDV, Verivox. Bei VS über 650 €/qm-Pauschale: Unterversicherungsverzicht entfällt teilweise, aber höhere Prämie. Kompromiss: 650-700 €/qm mit Unterversicherungsverzicht, plus separate Wertsachen-/Fahrrad-Police für Einzelstücke.

Was zählt als Hausrat — was nicht?

Hausrat laut § 1 VHB 2022: alle beweglichen Sachen, die zur privaten Nutzung des Versicherungsnehmers und seines Haushalts dienen. Eingeschlossen: Möbel, Teppiche, Elektronik (TV, Laptop, Smartphone), Küchengeräte, Geschirr, Kleidung, Bücher, Medien, Fahrrad (mit Diebstahl-Baustein), Werkzeug, Sportausrüstung, Spielzeug. Wertsachen (Schmuck, Bargeld, Wertpapiere, Kunst, Briefmarken-/Münzsammlungen) mit Deckungsgrenzen § 13 VHB: typisch 20 % der VS, Bargeld oft nur 1.500 € gedeckelt, Wertpapiere Original 2.500 €. NICHT Hausrat: fest eingebaute Einrichtung (Einbauküche wenn vermieterseits, Heizung, Sanitär → Gebäudeversicherung), Autos und Motorräder (→ Kfz-Kasko), Bargeld/Wertpapiere über Deckungsgrenzen (→ Wertsachenpolice), gewerbliche Gegenstände (→ Inhaltsversicherung), beruflich genutzte Tools bei Selbstständigen (→ Betriebsinhaltsversicherung). Wichtige Abgrenzung: Fahrrad am Stellplatz im Hof "einfacher Diebstahl" — nicht versichert. Nur Fahrrad aus verschlossenem Kellerraum/Fahrradkeller = Einbruchdiebstahl gedeckt, oder separater Fahrrad-Baustein 24/7-Schutz.

Neuwert vs. Zeitwert — was ist der praktische Unterschied?

Neuwertentschädigung nach § 74 VVG: Versicherer zahlt Kosten für gleichwertige Neuanschaffung — aktueller Preis einer vergleichbaren Ware neu im Handel. Beispiel 5 Jahre alter 55-Zoll-TV: Neuwert 1.200 € (heutiges gleichwertiges Modell). Zeitwertentschädigung: Restwert nach Abnutzung, branchenüblich "neu für alt"-Abzug bei Elektronik 15-20 %/Jahr. Selber TV Zeitwert: 1.500 € × 0,3 (nach 5 Jahren) = 450 €. Differenz im Schadensfall 750 €/Gerät. Bei Totalschaden Wohnungsbrand: Hausrat geschätzt 30.000 €. Neuwertentschädigung volle 30.000 €. Zeitwertentschädigung (durchschnittliches Sachalter 7 Jahre × 15 % Abzug/Jahr) nur noch 30.000 × 0,5 = 15.000 €. Billigtarife (Check24 ab 35 €/Jahr) häufig Zeitwert — im Kleingedruckten prüfen. Stiftung Warentest Testsieger 2024 alle mit Neuwertentschädigung: Ammerländer, Condor Union, VHV. Preisdifferenz Neuwert vs. Zeitwert typisch 15-25 € Jahresbeitrag — lohnt sich immer. Bei Teil-Zeitwert (Kleidung alt, Möbel Neuwert) hybride Policen üblich.

Wie oft sollte ich die Versicherungssumme anpassen?

Dynamik-Anpassung automatisch: Jahres-Anpassung der Versicherungssumme und Prämie um festen Prozentsatz (typisch 2-5 %/Jahr, oft gekoppelt an Verbraucherpreisindex Destatis). Zweck: Schutz vor schleichender Unterversicherung durch Inflation und Hausrat-Wachstum. Dynamik ist Standard in Neuverträgen, opt-out möglich (aber nicht empfehlenswert). Bei 3 % Dynamik jährlich: VS verdoppelt sich nach 24 Jahren. Zusätzlich manuelle Anpassung bei Lebensereignissen: 1) Einzug in neue, größere Wohnung. 2) Kauf teurer Neuanschaffungen (E-Bike, hochwertige Elektronik, Designer-Möbel). 3) Erbe/Schenkung wertvoller Gegenstände. 4) Home-Office-Aufbau mit Büroausstattung. Jährliche Selbst-Checkliste auch ohne Dynamik sinnvoll: Hausratwert alle 2-3 Jahre überschlagen, bei Überschreitung 650 €/qm + 20 % Police anpassen. Anpassung jederzeit möglich gemäß § 207 VVG, Versicherer passt Prämie proportional an — keine Wartezeiten, keine Gesundheitsprüfung. Kündigung nicht nötig.

Quellen

  1. Versicherungsvertragsgesetz (VVG) §§ 74, 75, 76, 207 Neuwert, Unterversicherung und Vertragsanpassung , Bundesministerium der Justiz (2025)
  2. VHB 2022 Musterbedingungen Hausratversicherung §§ 1, 13 Hausratbegriff und Wertsachen , Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) (2022)
  3. Finanztest 03/2024 — Hausratversicherungs-Testsieger mit Neuwertentschädigung , Stiftung Warentest (2024)