Nachhaltige ETFs (ESG): Sinnvoll investieren oder nur Marketing?
“Nachhaltig investieren” klingt gut. Aber was bedeutet das konkret? Wer sich ESG-ETFs anschaut, stellt schnell fest: Es ist komplizierter als das grüne Label suggeriert.
Was bedeutet ESG?
ESG steht für Environmental, Social, Governance — drei Kriterien, nach denen Unternehmen bewertet werden:
- Environmental: CO₂-Emissionen, Ressourcenverbrauch, Klimastrategie
- Social: Arbeitnehmerrechte, Lieferketten, Diversität
- Governance: Unternehmensführung, Transparenz, Korruptionsvorbeugung
ESG-ETFs schließen Unternehmen mit schlechten ESG-Bewertungen aus oder gewichten sie geringer — und investieren stärker in Unternehmen mit guten Bewertungen.
Wie funktioniert die Filterung?
Es gibt verschiedene Ansätze:
Ausschlussfilter (Exclusion): Bestimmte Branchen werden komplett ausgeschlossen — typischerweise Waffen, Tabak, Kohle, Glücksspiel. Das ist der niedrigschwelligste Ansatz.
ESG-Integration: Alle Unternehmen werden nach ESG-Kriterien bewertet, die Gewichtung im Index verschiebt sich entsprechend. Kein vollständiger Ausschluss.
Best-in-Class: Jede Branche ist vertreten, aber jeweils nur die ESG-besten Unternehmen. Auch Ölkonzerne sind dabei — wenn sie im Vergleich zur Branche gut abschneiden.
Impact Investing: Kapital fließt gezielt in Projekte oder Unternehmen mit messbarem positiven Effekt (z. B. Erneuerbare Energien). Höheres Risiko, enger fokussiert.
Die Kritik: Greenwashing?
Berechtigt. Mehrere Probleme:
Intransparenz: Es gibt keine einheitliche Definition von “nachhaltig”. Jeder Anbieter wendet eigene Methoden an — ein ESG-ETF bei Anbieter A kann ganz anders zusammengesetzt sein als bei Anbieter B.
Datenproblem: ESG-Ratings basieren auf Unternehmensangaben und unterschiedlichen Bewertungsmethoden. Verschiedene Rating-Agenturen kommen für dasselbe Unternehmen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.
Best-in-Class-Paradox: Ein Rüstungskonzern kann ein hohes ESG-Rating haben, weil er in seiner Branche besonders transparent ist. Das entspricht nicht dem intuitiven Verständnis von “nachhaltig”.
Rendite: Schlechter als klassische ETFs?
Die Datenlage ist eindeutig: ESG-ETFs liefern keine schlechtere Rendite als klassische ETFs — in manchen Zeiträumen sogar leicht besser, in anderen minimal schlechter. Die Unterschiede sind statistisch nicht signifikant.
Wer befürchtet, für Werte Rendite opfern zu müssen, kann das auf Basis der bisherigen Daten relativieren.
Für wen sind ESG-ETFs sinnvoll?
- Wer bewusst bestimmte Branchen ausschließen möchte (Waffen, Kohle)
- Wer das Gefühl hat, mit seinem Kapital ein Signal setzen zu wollen
- Wer die Kosten im Blick behält (TER oft leicht höher als klassische ETFs)
Wer primär maximale Diversifikation und minimale Kosten will, ist mit einem klassischen MSCI World oder FTSE All-World oft besser bedient.
Fazit
ESG-ETFs sind kein Wundermittel und kein reines Marketing. Sie sind ein Kompromiss: mehr Ausschlüsse und ein besseres Gewissen auf Kosten leicht höherer Kosten und weniger vollständiger Diversifikation.
Wer nachhaltig investieren will, sollte die konkreten Ausschlusskriterien des gewählten ETFs prüfen — nicht nur das Label. Welcher Ansatz zu deinen Werten und deiner Anlagestrategie passt, lässt sich im Beratungsgespräch einordnen.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Finanzbildung und stellt keine individuelle Anlage- oder Finanzberatung dar. Für eine persönliche Beratung wende dich an einen zugelassenen Finanzberater.
Häufige Fragen
Was bedeutet ESG bei ETFs?
ESG steht für Environmental (Umwelt — CO₂-Emissionen, Ressourcenverbrauch), Social (Arbeitnehmerrechte, Lieferketten, Diversität) und Governance (Unternehmensführung, Transparenz, Antikorruption). ESG-ETFs filtern Unternehmen nach diesen Kriterien und schließen schlechte Bewertungen aus oder gewichten sie geringer. Rechtliche Grundlage in der EU: Offenlegungsverordnung SFDR (2019/2088) mit Fonds-Klassifikation in Artikel 6/8/9.
Welche ESG-ETF-Varianten gibt es?
Vier Hauptansätze: 1) Ausschlussfilter — komplette Branchen (Waffen, Tabak, Kohle, Glücksspiel) ausgeschlossen. 2) ESG-Integration — alle Branchen bleiben, aber ESG-Bewertung beeinflusst Gewichtung. 3) Best-in-Class — pro Branche nur ESG-Beste; auch Ölkonzerne möglich. 4) Impact Investing — gezielt in Projekte mit messbarem positiven Effekt (Erneuerbare Energien, Mikrofinanz). Varianten unterscheiden sich erheblich in Strenge.
Ist die Rendite von ESG-ETFs schlechter?
Nein, historische Daten zeigen keine signifikant schlechtere Rendite. Der MSCI World SRI Index hat gegenüber dem MSCI World seit Auflage (2011) teils sogar leicht outperformt. Unterschiede liegen im Bereich weniger Prozentpunkte über Jahrzehnte und sind statistisch nicht signifikant. Die "ESG kostet Rendite"-These gilt empirisch als widerlegt. Höhere TER (meist 0,05–0,15 % höher) schmälert langfristig leicht die Nettorendite.
Warum ist Greenwashing bei ESG-ETFs ein Problem?
Es gibt keine einheitliche Definition von "nachhaltig" — jede Rating-Agentur (MSCI, Sustainalytics, ISS, Refinitiv) wendet eigene Methoden an. Studien (MIT Sloan, 2022) zeigen Korrelationen der Bewertungen zwischen verschiedenen Anbietern von nur 0,5–0,6. Ein Unternehmen kann bei einem Rater "Top-ESG" und bei einem anderen "Schlusslicht" sein. Die EU versucht mit SFDR und Taxonomie-Verordnung Standards zu setzen.
Für wen lohnt sich ein ESG-ETF?
Für Anleger, die bestimmte Branchen bewusst ausschließen möchten (Waffen, Kohle, Tabak), ohne dafür Renditenachteile zu erwarten. Wichtig: Ausschlusskriterien des konkreten ETFs prüfen — nicht nur das Label. Artikel-9-Fonds nach SFDR sind am strengsten, Artikel-8-Fonds ein Kompromiss. Wer maximale Diversifikation und niedrigste Kosten priorisiert, fährt mit klassischem MSCI World oder FTSE All-World ebenso gut.
Quellen
- Offenlegungsverordnung SFDR (EU) 2019/2088 , Europäische Union (2024)
- Aggregate Confusion: The Divergence of ESG Ratings , MIT Sloan (Berg, Koelbel, Rigobon) (2022)
- MSCI World SRI Index Factsheet , MSCI Inc. (2025)