Altersvorsorge: Wann anfangen — und was es kostet, zu warten

Altersvorsorge: Wann anfangen — und was es kostet, zu warten


“Ich fange nächstes Jahr an.” Das ist der teuerste Satz in der Altersvorsorge. Nicht weil er böse gemeint ist — sondern weil er sich Jahr für Jahr wiederholt, bis die Mathematik unerbittlich zuschlägt.

Wie viel kostet dich jedes Jahr Warten konkret? Die Zahlen sind eindeutig.

Die Grundlage: Zinseszins braucht Zeit

Der Zinseszinseffekt wächst exponentiell, nicht linear. Das bedeutet: Die letzten Jahre vor der Rente sind viel weniger wertvoll als die ersten Jahre nach dem Berufsstart.

Wer das einmal wirklich versteht, wartet nie wieder.

Was Zinseszins bedeutet und warum Zeit der entscheidende Faktor ist, erklärt dieser Artikel.

Beispielrechnung 1: Einmalanlage mit 25 vs. 35

Annahme: 5.000 Euro Einmalanlage, 6 % Rendite p.a., Renteneintritt mit 67.

StartpunktAnlagedauerEndwert
Mit 2542 Jahreca. 57.000 €
Mit 3037 Jahreca. 42.800 €
Mit 3532 Jahreca. 32.200 €
Mit 4027 Jahreca. 24.100 €

Wer mit 25 statt 35 anfängt, hat am Ende fast doppelt so viel — mit demselben eingesetzten Betrag. Die 10 Jahre Warten kosten 25.000 Euro.

Beispielrechnung 2: Monatlicher Sparplan

Annahme: 200 Euro monatlich, 6 % Rendite p.a., Renteneintritt mit 67.

StartpunktEingezahltEndwertZinseszins-Gewinn
Mit 25100.800 €ca. 400.000 €299.200 €
Mit 3088.800 €ca. 284.000 €195.200 €
Mit 3576.800 €ca. 196.000 €119.200 €

10 Jahre früher anfangen = 104.000 Euro mehr im Alter, obwohl nur 24.000 Euro mehr eingezahlt wurden. Der Rest ist Zinseszins.

Was “später anfangen, mehr einzahlen” kostet

Viele denken: “Ich fange mit 35 an und zahle dann mehr ein.” Das stimmt rechnerisch — aber es kostet unverhältnismäßig viel mehr.

Um mit 35 dasselbe Ergebnis zu erreichen wie mit 25 (Endwert ~400.000 €), musst du nicht 200 Euro, sondern ca. 282 Euro monatlich einzahlen. Du zahlst also 41 % mehr pro Monat — und trotzdem weniger Gesamtkapital als wenn du früher angefangen hättest.

Was das für Berufseinsteiger konkret bedeutet

Auch kleine Beträge zählen. 50 Euro monatlich mit 25 sind langfristig mehr wert als 150 Euro monatlich mit 40.

Die häufigste Ausrede: “Ich habe noch Schulden” (Studienkredite, Dispo). Hier lohnt sich eine kurze Rechnung: Wenn dein Zinssatz auf Schulden höher ist als deine erwartete Anlagerendite, Schulden zuerst tilgen. Wenn nicht (z. B. zinsloses Bafög), beides parallel.

Die zweit häufigste Ausrede: “Der richtige Zeitpunkt kommt noch.” Er kommt nicht. Der richtige Zeitpunkt war gestern. Der zweitbeste ist heute.

Welche Form der Altersvorsorge?

Die Antwort hängt von deiner Situation ab — Steuerklasse, Arbeitgeber-Angebote, Familienstand, Einkommen. Die wichtigsten Bausteine:

Fazit

Die Frage ist nicht, ob du mit der Altersvorsorge anfangen sollst. Die Frage ist nur, wie viel dich jedes weitere Jahr Warten kostet. Die Antwort kennst du jetzt.

Welche Form der Altersvorsorge für deine Situation — Steuerklasse, Einkommen, Arbeitgeber, Risikoprofil — die richtige ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Ein Beratungsgespräch hilft, das konkret auf dich zuzuschneiden.


Dieser Artikel dient der allgemeinen Finanzbildung und stellt keine individuelle Anlage- oder Finanzberatung dar. Für eine persönliche Beratung wende dich an einen zugelassenen Finanzberater.

Häufige Fragen

Wann sollte ich mit der Altersvorsorge anfangen?

So früh wie möglich nach Berufseinstieg — idealerweise mit Anfang 20. Der Zinseszinseffekt wächst exponentiell: Wer mit 25 statt 35 beginnt (200 €/Monat, 6 % p.a., bis 67), hat am Ende 400.000 € statt 196.000 € — 104.000 € mehr bei nur 24.000 € höherer Einzahlung. Die restlichen 180.000 € sind reiner Zinseszins-Gewinn.

Wie viel muss ich mehr einzahlen, wenn ich später anfange?

Um mit 35 dasselbe Zielvermögen wie bei Start mit 25 (rund 400.000 € bei 200 €/Monat, 6 % p.a.) zu erreichen, musst du rund 282 € monatlich einzahlen — also 41 % mehr pro Monat. Bei Start mit 45 sind es schon rund 450 € monatlich, also mehr als das Doppelte. Je später der Start, desto unverhältnismäßig höher die notwendige Sparrate.

Wie viel Prozent meines Einkommens sollte ich für die Altersvorsorge sparen?

Faustregel: 10–20 % des Nettoeinkommens in private Altersvorsorge und Vermögensaufbau, zusätzlich zu gesetzlicher Rente (Pflichtbeitrag von derzeit 18,6 %) und bAV. Bei 2.500 € Netto sind das 250–500 € pro Monat. Je früher du anfängst, desto niedriger kannst du im prozentualen Rahmen bleiben und trotzdem das Ziel erreichen.

Schulden tilgen oder parallel für die Altersvorsorge sparen?

Abhängig vom Zinssatz: Übersteigt der Schuldzins die erwartete Anlagerendite (z.B. Dispo-Kredit mit 10–14 %, Konsumkredit 5–8 %), zuerst tilgen. Bei niedrig- oder zinsfreien Schulden (BAföG, Immobiliendarlehen mit 2–4 %) kann parallel gespart werden. Als Orientierung dient die historische Aktienrendite von rund 7 % p.a. (DAI Renditedreieck).

Welche Altersvorsorge-Bausteine gehören zusammen?

Die klassische Drei-Schichten-Struktur: 1. Basisversorgung (gesetzliche Rente, Rürup-Rente, § 10 EStG), 2. Geförderte Zusatzvorsorge (Riester nach §§ 10a, 79 ff. EStG und betriebliche Altersvorsorge nach § 3 Nr. 63 EStG), 3. Private Vorsorge (ETF-Sparplan, Rentenversicherung). Welche Bausteine wie gewichtet werden, hängt von Steuerklasse, Arbeitgeberzuschuss und Familienstand ab.

Quellen

  1. Renditedreieck DAX (Historische Aktienrenditen) , Deutsches Aktieninstitut (DAI) (2024)
  2. Einkommensteuergesetz (EStG) §§ 3 Nr. 63, 10, 10a , Bundesministerium der Justiz (2025)
  3. Altersvorsorge-Bericht der Bundesregierung , Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) (2024)